Türkische Hochzeiten damals und heute

Zwischen Brauchtum und Moderne

Einleitung

Eine landläufige Redensart aus der Türkei besagt, dass es drei einschneidende Ereignisse im Leben eines Menschen gebe. Das erste sei demnach die Geburt, das zweite die Hochzeit und das dritte Ereignis der Tod. Da man Geburt und Tod nicht besonders beeinflussen kann, liegt es auf der Hand, dass auch heute noch der Hochzeit in der türkischen Gesellschaft eine immanent wichtige Rolle zugewiesen wird.

Dieser Text möchte den Leserinnen und Lesern einen Überblick über den Ablauf ebenso wie über traditionelle und moderne Sitten und Gebräuche rund um eine türkische Hochzeit näher bringen. Er erhebt dabei nicht den Anspruch, die ganze sozio-politische Dimension türkischer Hochzeiten erschöpfend zu behandeln.

Vorlauf - Den Ehepartner finden

Der Beitrag von Familie und Umfeld

Jeder Topf findet einen Deckel – diese Redensart findet auch ihre Entsprechung bei Hochzeiten türkischer bzw. türkischstämmiger Paare. Es gibt vielleicht - abgesehen von der Berufswahl in der türkischen Gesellschaft - wohl kaum eine andere Domäne, in der das eigene Interesse und die Zuarbeit von Eltern sowie dem persönlichen Umfeld derart zum Tragen kommen, wie bei der Aufgabe, den Partner fürs Leben zu finden. Nicht umsonst wird der Ehepartner im Türkischen auch mit "hayat arkadaşı" (sprich: hayat arkadasche) umschrieben, also einem Lebensfreund für den Rest des irdischen Daseins.

Auch heute, in der 2.u 3. Einwanderergeneration, nimmt die Wahl des richtigen Ehepartners einen wichtigen Platz ein. Beginnend mit der Adoleszenz und den ersten beruflichen Schritten halten die potenziellen Heiratskandidaten selbst, ihre Eltern und das persönliche Umfeld nach anderen möglichen Partnern Ausschau. Insbesondere traditionell verortete Gesellschaftsschichten verfahren auf diese Weise. Dabei geht es darum, dass das Umfeld vor allem darauf bedacht ist, dass die beiden Partner zueinander passen. Es soll der dauerhafte Bestand der Ehe gewährleistet werden.

Die eigene Absichtserklärung 

Nicht zuletzt kommt es auch auf den geäußerten Wunsch des Kindes an, eigene Wege zu gehen. So war es in einigen Regionen der Türkei Brauch, dass heiratswillige junge Burschen beim Essen vor aller Augen ihren Löffel in einen Reistopf stießen und dort stecken ließen. Eine etwas diskretere Art seine Absichten zu bekunden war es, vor dem Schlafengehen einen Löffel unter das eigene Kopfkissen zu legen und das Bett ungemacht zu hinterlassen. Beim Aufräumen wusste dann die Mutter, was Sache war.

Es gab noch viele andere Bräuche, die Heiratsabsicht zu bekunden, diese waren von Region zu Region und sogar von Dorf zu Dorf unterschiedlich. Heute hat es sich eingebürgert, dass allgemein die Mütter oder die älteren Schwestern über den eigenen Wunsch diskret unterrichtet werden. Dies gilt sowohl für junge Männer als auch für junge Frauen. Es ist weiterhin noch nicht üblich, dass Väter in dieser Hinsicht angesprochen werden.

Bei jungen Frauen galt und gilt es heute noch als unschicklich, solche Wünsche oder Absichten direkt zu äußern. Ein ""beabsichtigt-unbeabsichtigtes"", sprich ungezogenes Verhalten, wie z.B. Türen zuzuschlagen, deutet(e) man als Anzeichen, dass Heiratswünsche bestehen. (Çopuroğlu: 2000)

Die Heiratsfähigkeit von Frauen hingegen wurde durchaus nach außen hin bekundet; um die Region Antalya herum z.B. mit dem Tragen langer Haare. Bis vor einiger Zeit war es u.a. auch üblich zu dokumentieren, dass in einem Haus junge Frauen im heiratsfähigen Alter vorhanden sind. Um ein kurioses Beispiel zu zitieren, wurden dazu entsprechend ihrer Anzahl leere Flaschen weithin sichtbar auf das Dach neben dem Kamin platziert. Wurden davon welche mit zerbrochenen Flaschen ausgetauscht, war deutlich, dass die dementsprechende Anzahl der Töchter des Hauses bereits vergeben war. (Antalya'da Evlenme Törenleri)

Der Ruf der Familie

Dem Ruf einer Familie kommt eine wichtige Bedeutung zu. Ein guter Ruf erhöht die Chancen, einen sozial erfolgreichen Partner ehelichen zu können. Der Ruf setzt sich dabei u.a. aus den harten Faktoren der erreichten Bildungsabschlüsse und dem beruflichen Erfolg sowie aus den weichen Faktoren der Rechtschaffenheit, der sozialen Umgänglichkeit sowie der gelebten Religiosität zusammen. Nicht zu unterschätzen ist hierbei auch die Bedeutung der Virtuti, also der Tüchtigkeit, die der potenzielle Partner in seinen Lebensbelangen umfassend an den Tag legt.

So halten in traditionellen Familien neben den eigentlichen potenziellen Heiratskandidaten eben auch Geschwister, Eltern, Verwandte sowie Freunde und Nachbarn nach passablen potenziellen Partnern Ausschau. Bei sozialen Zusammenkünften wird zumeist den Kandidaten und/oder den Eltern zugetragen, wen es gibt, die interessant sein könnten. Sollte ein konkreter Heiratswunsch bestehen sowie die Kandidaten und die Eltern den potenziellen Partnern zugeneigt sein, können weitere Erkundigungen eingeholt werden, z.B. um mehr über "die Gegenseite" zu erfahren.

Kennenlernen

Äußert das Kind Interesse an der/dem potenziellen Partner/in, kommt eine Kennenlernrunde in einem möglichst zwanglosen Rahmen in Frage - soweit dies natürlich überhaupt für den einzelnen machbar ist. Man kann da natürlich recht nervös werden. Dafür arrangieren Freunde und Geschwister ein Treffen in einem Café in geselliger Runde in der man sich locker um eine freundliche Atmosphäre bemüht. So lernt man und frau sich kennen und, so hofft man, auch mögen, um vielleicht weitere Treffen zu vereinbaren.

Demgegenüber findet man in der türkischen Gesellschaft auch Paare, die sich ohne Mitwirken des persönlichen Umfeldes finden. Dies ist insbesondere in den großen türkischen Städten gängige Praxis. Die Auflösung tradierter Strukturen im urbanen Umfeld bietet den Jungerwachsenen vielfältige Gelegenheiten, einen Partner kennen zu lernen, so z.B. in Schule, auf der Arbeit, in der Freizeit.

Neben den in den Medien publizierten und leider immer noch vorkommenden Fällen von Zwangsverheiratung sind es auch in Deutschland eine überwiegende Zahl von Paaren, die sich ohne Einmischung oder gar Zwang von außen gefunden und lieben gelernt haben. Hier haben in den 1990er Jahren die Etablierung einer türkischen Partyszene, die flächenmäßige Einführung des Handys sowie soziale Netzwerke im Internet geholfen, bei der Wahl des Partners eigenständiger vorzugehen.

Vor vollendete Tatsachen stellen

Es kommt auch vor, dass Eltern vor vollendete Tatsachen gestellt werden, mit denen sie sich arrangieren lernen. Dies kommt und kam z.B. dann vor, wenn Eltern den Wunschpartner des Kindes ablehnen, und beide dann trotzdem willens sind, diese Verbindung einzugehen.

In der Vergangenheit wurden diese vollendeten Tatsachen vom Mann ausgehend allerdings mit dem drastisch-deutlichen Mittel der Entführung geschaffen. Dabei gab es zwei Arten der Entführung. Die eine - und weitaus häufigere - war die, in der beide Liebenden sich verabredeten und bei Nacht und Nebel durchbrannten. Die andere - weit seltenere - Art der Entführung war die gewaltsame. Diese entsprach mehr einem atavistischen Geschlechterverständnis als einem zivilisatorischen.

Heute kann man natürlich einfach spontan heiraten bzw. eine wilde Ehe führen, die es aber über kurz oder lang notwendig macht, diese Verbindung mit dem unabdingbaren elterlichen Segen zu sanktionieren, wenn die Ehepartner ihren Familien nahe bleiben möchten. Bei allen diesen vollendeten Tatsachen gilt bis heute, dass spätestens dann, wenn ein Enkelkind die Bühne des Lebens betritt, im Regelfall auch die Vorbehalte der (Groß-)Eltern gegenüber der eigenständigen Partnerwahl ihrer Kinder zurücktreten.

Aber nichts im Leben ist auch wirklich so eindeutig, wie es in diesen extremen Polen von Zwangsverheiratung zum einen und der Schaffung vollendeter Tatsachen zum anderen gezeigt wird. Das heißt, dass Mischformen von eigenständigem Kennenlernen, verdeckt laufender Beziehung gegenüber Eltern oder einem Elternteil und/oder Einholung von weiteren Erkundigungen ebenso gängig sind, um den Lebensfreund kennen zu lernen und später zu heiraten.

Ablauf – um die Hand der Tochter anhalten

Sollte sich nun ein Paar gefunden und lieben gelernt haben, so ist es an der Familie des Brautwerbers, um die Hand der (Schwieger-)Tochter anzuhalten. Dabei geht man mit großer Umsicht vor und achtet streng auf die Einhaltung der Etikette, ob nun traditionell veranlagt oder moderneren Kennenlernmethoden gegenüber aufgeschlossen. So musste seinerzeit auch der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl nach Istanbul reisen, um dort für seinen Sohn Peter um die Hand seiner türkischen Schwiegertochter anzuhalten.

Als eingängiges Beispiel soll hier zunächst eine filmische Darstellung genannt werden, die in Teilen einen prägnanten Eindruck davon liefert, wie man sich eine türkische Brautwerbung vorstellen kann: Fatih Akıns "Gegen die Wand", zeigt z.B. sehr schön auf, wie der Protagonist Cavet (sprich: Dschawett) mit seinem besten Freund mit Pralinen und Blumen bei Sibel (sprich: Ssibell), genauer gesagt bei ihren Eltern, vorstellig wird, um um die Hand ihrer Tochter anzuhalten. (Leider waren diese Szenen zum Redaktionsschluss nicht in einem Videoclip bei YouTube o.ä. verfügbar.) Im Gegensatz zu diesem Melodram findet man allerdings auf YouTube andere kurzweilige filmische Behandlungen. In diesem Clip z.B. wird die Brautwerbung mittels eines Videochats durchgeführt: Man ist auf der Höhe der Zeit.

Die Familie des Bräutigams wird mit Geschenken in Form von hochwertigem türkischen Süßgebäck – oder wie in "Gegen die Wand" mit Pralinen – vorstellig. Öfters ist bei der Familie des zukünftigen Bräutigams ein Bürge dabei. Dieser Bürge ist eine mehr oder weniger weithin anerkannte Respektsperson in der türkischen Community, kennt im besten Falle beide Familien und spricht bei diesem Besuch für den Brautwerber und dessen Familie.

Sollten sich beide Familien schon vorher gekannt haben, fällt die Begrüßung etwas zwangloser aus. Nichtsdestotrotz gibt es hier eine Etikette, auf deren Wahrung man achtet. So lässt sich die zukünftige Braut bei der Begrüßung beispielsweise nicht blicken. Vielmehr "verbirgt" sie sich in der Küche, denn dort bereitet sie Kaffee oder Tee vor. Dies heißt aber nicht, dass sie nicht mal "spinkst", d.h. heimlich guckt, wer denn da vorstellig wird.

Nachdem alle Platz gefunden haben, die Männer üblicherweise im hinteren Teil des Raumes, die Frauen etwas weiter vorne, redet man erstmal über dies und das, z.B. wie die Fahrt war, das Wetter und über das eigene Befinden. Die Tochter des Hauses betritt zu einem geeigneten Zeitpunkt das Wohnzimmer und serviert auf einem Tablett oben erwähnten Mokka-Kaffee oder den Tee.

Insbesondere zu früheren Zeiten richtete es die zukünftige Braut (oder Doch-Nicht-Braut, dazu später mehr) es so ein, dass der Brautwerber von ihr eine bestimmte Tasse in die Hand bekam. Damit konnte sie ihr Gefallen oder Nicht-Gefallen diskret äußern: Wurde der Bewerber als Partner gewünscht, bekam er ein normal gesüßtes oder auch zuweilen übersüßtes Getränk. Sollte er jedoch das Pech haben, für sie nicht als Bräutigam in Fragen zu kommen, reichte sie ihm einen gesalzenen Tee oder Mokka-Kaffee. Um für alle Anwesenden die Peinlichkeit einer Ablehnung zu ersparen, war der abgelehnte Brautwerber angehalten, sein Getränk ohne Klagen auch gesalzen zu trinken. Aber immerhin hatte er auf diese Weise die Möglichkeit, sich ein Bild seiner Lage zu machen und wirklichkeitskonform zu reagieren. Heute kennen sich die Kandidaten zumeist schon zuvor und sind sich darüber einig, was sie beide möchten, so dass dieser Brauch obsolet geworden ist.

Nach dem ersten Getränk reicht die Tochter des Hauses selbstgemachtes Gebäck. Die Fertigkeit, wie serviert wird und natürlich wie es schmeckt, kann bei der Familie des Brautwerbers ein zusätzlicher Gradmesser dafür sein, ob die richtige Wahl getroffen wurde. Bei alldem wird natürlich höflich parliert, im Regelfall halten sich die jungen Leute, um die es geht, aber zurück. Dem jungen Mann werden eher Fragen gestellt, der jungen Frau kaum, was aber nicht heißt, dass sie wie Luft behandelt wird. So sitzt sie zwar auf dem äußersten Stuhl des Raumes im Zimmer, um der Küche nahe zu sein, doch die meiste Zeit geht es um sie.

Dann wird es das, was man landläufig mit "ernst" bezeichnet. Der Bürge oder, falls keiner da ist, der Vater des Bräutigams verweist den Vater der Braut darauf, wie wichtig und ernst das Leben ist und dass es weitergehen muss. So wird mit einem weiteren einerseits auf die Tüchtigkeit des jungen Mannes hingewiesen und andererseits unter Bezugnahme auf den Befehl Gottes und des Willen des Propheten Mohammed um die Hand der Tochter angehalten.

Hier hat der Vater der Tochter bei wichtigem Grund noch die Möglichkeit, von dem Ansinnen einer Heirat Abstand zu halten, indem er z.B. auf das junge Alter oder die laufende Ausbildung der Tochter verweist. Sollte er jedoch keine Einwände haben, was heutzutage eher der Regelfall ist, wird in diesem Moment die Tochter hergebeten, und gefragt, was sie von dem Heiratsantrag hält. Sollte sie bejahen, erklärt der Vater, dass er sie gegeben hat und dass sie gegangen ist: "Verdim, gitti," (sprich: Werdimm, gitti").

Daraufhin wird ein süßer Saft gereicht und es werden gute Wünsche ausgesprochen, dass diese Verbindung gesegnet sei. Die Kinder, d.h. das künftige Brautpaar, küssen nun die Hände ihrer (Schwieger-)Eltern, die anwesenden Männer geben sich die Hand und küssen sich auf die Wangen, ebenso die Frauen. Üblicherweise betrachtet man ab diesem Zeitpunkt das Paar als verlobt.

Imam und Standesamt

Die Trauung beim Imam findet üblicherweise vor der beim Standesamt statt. Vom chronologischen Ablauf her ist es also ungefähr so, wie man es bei deutschen Paaren kennt.

Der Imam nimmt die Trauung im engeren Familien- und Freundeskreis mit "offiziellen" Zeugen vor. Hier wird auch das Brautgeld oder der Brautschmuck übergeben, welches der Frau vorbehalten ist, um sich in Notfällen für die erste Zeit über Wasser halten zu können, z.B. für den Fall, dass der Ehemann verunglücken sollte. Die Trauung wird mit einem Festmahl besiegelt.

Die standesamtliche Trauung läuft ungefähr so ab, wie man es bei einem deutschen Pärchen kennt. Türkische Staatsbürger haben die Möglichkeit, die Trauung sowohl in der Türkei als auch in einem türkischen Konsulat abzuhalten. Davon geht man jedoch immer mehr ab, weil sich immer mehr herauskristallisiert , dass in Deutschland lebende Türken hier ihren Lebensmittelpunkt haben und deshalb auch das deutsche Standesamt nutzen möchten.

Sollte man es vorziehen, in der Türkei zu heiraten, versucht man es so einzurichten, die (standesamtliche Trauung auf der Hochzeitsfeier stattfinden zu lassen. Die Trauung auf einem türkischen Standesamt ist genauso feierlich wie bei einem deutschen.

Der Unterschied liegt einerseits in dem formalen Charakter der Trauung und dem Verhalten des Paares untereinander: Türkische Standesbeamte tragen eine rote Robe, ähnlich wie bei Richtern z.B. des deutschen Bundesverfassungsgerichts. Dieser Formalismus wird jedoch durchaus wohlwollend dadurch konterkariert, dass bei der Unterzeichnung der Heiratsurkunden unter dem Schreibtisch eine Fußhakelei zwischen den Brautleuten stattfindet. Derjenige Partner, der bei der Unterzeichnung der Urkunden einen Fuß auf dem des anderen hat, wird landläufiger Meinung nach die Beziehung dominieren. Im schlimmsten Falle würde der Mann dadurch zu einem "soğan erkeği" (sprich: Ssoan Erke-i), einem Zwiebelmann, auf deutsch würde man so jemanden einen Pantoffelhelden nennen.

Die Hochzeitsfeier

Die Hochzeit selbst ist ungefähr so, wie man sich eine türkische Hochzeit vorstellt: Groß und teuer. Daher sind die Eltern in der Pflicht, ihren Kindern die Hochzeit zu bezahlen. Außerdem ist es üblich, den Kindern ihre erste Wohnung einzurichten. Bei einer großen Anzahl von Kindern kann das zu einer großen und dauernden finanziellen Belastung werden. Für einen Bräutigam kann es hingegen zu einer Prestigefrage werden, sollte er in der Lage sein, die Kosten der Hochzeit selbst zu tragen. Dies macht stolz und dokumentiert gegenüber den (Schwieger-)Eltern die eigene Unabhängigkeit.

Üblicherweise werden für türkische Hochzeiten professionelle Veranstalter gebucht. Diese stellen zu einem Pauschalpreis ein Komplettpaket zusammen. Dabei kann man sich aussuchen, wie viele Besucher bewirtet werden. 500 Besucher einzuladen ist gängige Praxis, nach oben hin ist alles offen. Die Eltern des Brautpaares begrüßen die Gäste am Eingang zum Festsaal. Dies kann recht ermüdend werden.

Feiern im Festsaal

Zu ihrem Einzug in den Festsaal fährt die Braut in einem festlich geschmückten Wagen vor. Dabei wird sie zumeist von einem lautstarken Konvoi begleitet. Erst nachdem die meisten Gäste anwesend sind, betritt die Braut den Saal, während die Kapelle romantische Musik aufspielt. Als besondere Geste kann es vorkommen, dass dabei junge Frauen aus der Hochzeitsgesellschaft für sie Spalier stehen und sie unter brennenden Kerzen nach vorne zum Brautpaartisch schreitet.

Danach wird das üppige Essen serviert. Auf türkischen Hochzeiten sind alkoholische Getränke zumeist verpönt und werden - wenn überhaupt - nur unter den hinteren Banken eingeschenkt und mit unverdächtigen Getränken gemischt. Das Brautpaar selbst isst nur wenig vor den anderen Gästen, es kann sich in einem separaten Nebenraum stärken.

Nach dem Essen wird zum Tanz aufgerufen. Braut und Bräutigam tanzen den ersten Tanz. Viele stehen um die Tanzfläche herum, schauen zu und halten die Feier auf Video fest. Auch hier gibt es Strömungen, das Ganze zu modernisieren. Sichtbar wird dies in folgendem Video. (Bis zum Ende gucken! Es nimmt eine ungeahnte Wendung!).

Übergabe der Gold- und Geldgeschenke

Nun können auch die anderen Gäste tanzen. Dies wird auf türkischen Hochzeiten sehr gerne und ausgiebig gemacht. Spätestens wenn die Hochzeitskapelle eine Pause macht, kommt es zur Übergabe der Gold- und Geldgeschenke.

Hierbei kommen die Familien des Brautpaares nach vorne auf die Tanzfläche. Alle Familienmitglieder beschenken das Brautpaar. Kleinere Familienangehörige ohne Einkommen bekommen dabei das zu übergebende Geschenk von den Eltern bezahlt. Üblicherweise werden Goldmünzen, -ketten und große Scheine mit Nadeln an der Hochzeitgarnitur befestigt. Dass dies so aussieht, als ob man mit Orden behangen würde, war früher durchaus auch gewollt.

Danach kommt aus den Familien der Hochzeitsgäste jeweils ein Abgeordneter, um ebenso ein Geschenk in Geld oder Gold zu überreichen. (Alternativ oder zusätzlich dazu können die Gäste beim Eintreffen Sachgeschenke auf dem Gabentisch ablegen.) Dabei gibt ein "Master of Ceremony", üblicherweise der Sänger der Hochzeitskapelle wieder, wieviel aus jener Familie dem Brautpaar als Start in ein neues Leben übergeben wird. Geschenke an den Mann werden dabei als Gabe an die gesamte neue Familie betrachtet, Geschenke an die Braut hingegen als das ihr persönlich zugedachte Eigentum.

Es kommt auch vor, dass die Freunde dem Bräutigam eine aufwendig verpackte Quitte schenken. Damit wird ihm bedeutet, dass er nun sprichwörtlich in den sauren Apfel beißt, und dass sein vergnügliches Leben nun ein Ende findet. Auch auf diese Weise nehmen Junggesellen-Freunde Abschied voneinander.

Hat man all dies überstanden, kann wieder zum vergnüglicheren Teil des Abends übergegangen werden, dem Tanz. Spätestens hier brandet die Stimmung auf, und es werden traditionelle Tänze aus der jeweiligen Heimatregion in der Türkei aufgeführt.

Hochzeitsfeiern sind auch Brautschau

Währenddessen halten sich die heiratsfähigen jungen Männer oft "auffällig-unauffällig" am Ende des Saales im Hintergrund. Ihre Augen jedoch sind auf die Tanzfläche gerichtet, auf der die jungen Frauen mit ihren Freundinnen oder näheren Verwandten tanzen. Blicke werden ausgetauscht. Viele Hochzeiten nehmen ebenselbst auf Hochzeiten ihren Anfang.

Sollten es die jungen Leute nicht schaffen, ihre Kontaktdaten auszutauschen, gibt es noch die Chance, über die mehr oder weniger professionell bearbeiteten Hochzeitsvideos diejenige oder denjenigen nochmal ausfindig zu machen und herauszufinden, um wen es sich dabei handelt. Dabei nehmen auch die übrigen Betrachter der Videos Notiz von den anwesenden Gästen. Und auch so nahm schon manch andere Hochzeit ihren Anfang.

Schluss – Der Abschied in ein eigenes Leben

Zum Ausklang der offiziellen Hochzeitsfeier nimmt das Brautpaar Abschied von seinen Eltern, es küsst ihnen und älteren Geschwistern und Verwandten die Hände. Oft fließt hier noch so manche Träne, besonders bei der Familie der Braut, gibt man doch nun die Tochter weg. Dies geschieht auch dem Namen nach, die Braut heißt im Türkischen "Gelin", die (in die Familie des Bräutigams) Kommende.

Allerletzter Junggesellenabschied

Vor dem Einzug in die eigene Wohnung – der sich oft der Hochzeit anschließt - lassen die Freunde des Bräutigams ihn zum Abschied hochleben. Zuweilen bekommt er noch eine herzlich gemeinte Dresche (siehe insb. ab Minute 2:15) mit der flachen Hand auf den Rücken, bevor er in die eigene Wohnung geschubst wird. Dabei wird ihm nämlich unterschwellig unterstellt, vor diesem Schritt Angst zu haben.

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